aus dem tagebuch eines alten bikers 37

Irgendwie sind sie ja putzig, die rucksäcke und kleinen schultaschen, an welchen vorne kinder ran geschnallt sind… ja, sind wirklich putzig, die kleinen! vor allem, wenn sie dann so auf cool, lässig und wichtig machen, da könnte es so einen alten sack wie mich fast vom bock werfen! und so ganz nebenbei erinnern sie mich an meine kleinen, die waren ja auch nicht anders! vor allem, wenn dann noch die freunde und nachbarskinder dabei sind… da wird gequasselt, natürlich nur die allerwichtigsten themen, mit aller ernsthaftigkeit, so als ob sie gerade einen plan zur sicherung des weltfriedens und der benzinreserven ausarbeiten würden… einfach putzig…

und da ich ja in direkter umgebung einige schulen, auch ein paar kindergärten und kindertagesstätten habe, bin ich sozusagen nicht nur dabei, sondern richtig mitten drin! und als eifriger nutzer einer laternengarage sowieso… jedenfalls, immer wieder, eigentlich beinahe täglich, marschieren da zwei so exemplare dieser zwergeuropäer quer über den parkplatz, sehr oft in irgendeines dieser wahnsinnig wichtigen gespräche vertieft, keine ahnung, worum’s da genau geht, aber einmal, da war der nahegelegene schachtelwirt das thema… wurscht…

dann wird zuallererst, so wie es sich für zwei angehende gentlemen gehört, die ältere dame aus dem erdgeschoß, die morgens immer am fenster lehnt, begrüßt. und der obligate smalltalk, den hätte ich beinahe vergessen… naja, seit sie witwe ist, hat sie ja sonst nichts mehr, also genießt sie das morgendliche treiben der zwerge… und natürlich plaudere ich auch mit ihr, sie ist ja nett und hat sonst nur langeweile, zumindest bis sie ihren täglichen weg zum kiosk macht…

naja, jedenfalls nach dem smalltalk mit der alten dame dann immer der vorsichtige seitenblick zu dem gefährlich aussehenden typen an dem riesen motorrad, man weiß ja nie… und irgendwie geheuer bin ich den zwergen offensichtlich nicht wirklich, wurscht, mir jedenfalls… aber einen seitenblick müssen die zwerge dennoch riskieren, irgendwie übt das motorrad doch eine gewisse anziehungskraft auf die miniatureuropäer aus, es ist nicht zu übersehen. gut, könnte aber auch daran liegen, daß meine wing sich nun doch ein wenig von den üblichen motorrädern unterscheidet, nicht nur, was die anzahl der scheinwerfer an der front, sondern auch die ausmaße der front anlangt, und daß sie sehr oft auf dem hauptständer abgestellt ist… und die anderen abmessungen der zweirädrigen skulptur sind auch nicht ohne, deutlich mehr jedenfalls als von den üblichen…

eines tages, die zwei zwerge kommen grad wieder ihres weges, der obligate smalltalk mit der alten dame, die seitenblicke zu mir, und dann, ganz urplötzlich, faßt sich einer der beiden ein herz und kommt vorsichtig zu mir an die wing. mit einem dezenten respektabstand (man weiß ja nie, was die wilden mit ihren motorrädern so plötzlich mit zwergen machen könnten!) stellt er fest, daß ich ein schönes motorrad habe. ob dieser absoluten neuigkeit des tages entgleitet mir ein grinsen… zugegeben, ein sehr breites grinsen, aber es sieht ja wirklich urkomisch aus, wie der zwerg mir total wichtig erklärt, daß auch er findet, daß mein motorrad schön ist. gut, das wird sich noch ändern, also, seine meinung über schöne motorräder, aber eine gewisse faszination hat sich offensichtlich in sein herz eingebrannt und veranlasst ihn also in seiner vollen wichtigkeit, mir dieses mitzuteilen.

schön…

und eigentlich ist es mir wurscht…

aber diese wichtigkeit, diese existenzielle ernsthaftigkeit und dieser heroismus in der tat dieses zwerges, all das läßt mich hoheitsvoll nicken, sogar zustimmend nicken! stellt euch das einmal vor! ich nicke! und grinse dabei, andere könnten jetzt natürlich fehlerhafterweise vermuten, ich hätte gelächelt, aber das lehne ich kategorisch und mit aller vehemenz ab, ich habe definitiv gegrinst!

wurscht…

doch dann rafft sich der zwerg zu einer wahren heldentat auf, die seinem kompagnon die volle bewunderung ob seines heldenmutes abringt: er kommt näher und versucht einen blick auf’s armaturenbrett zu erhaschen, vielleicht sieht er sogar den tacho… doch… erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, und das gilt auch für diesen kleinen helden: er ist zu klein, er kann nicht einmal über die seitenverkleidung der wing drüber gückseln! keine chance…

enttäuschung macht sich in seinem gesicht breit, ersetzt den heldenmut und, naja, hochziehen und auf den zehenspitzen balancieren, auch kein erfolg! und der wilde, dem dieses ach so interessante motorrad gehört, der ist vergessen… nur mehr pure enttäuschung!

lächelnd greife ich dem zwerg unter die arme und hebe ihn auf die couch, freier blick auf die welt! ein freudiges lächeln zaubert ein straheln in die augen des kleinen, er sitzt sogar auf diesem ungetüm, das ihn nebenstehend so klein erscheinen hat lassen! er, der neue bezwinger aller monster, der herrscher der welt, der absolute held! und neben ihm, ein neuer freund, ein wilder, der eigentlich doch nicht so wild ist, wie er aussieht…

dann schalte ich die zündung ein, das mäusekino mit seiner lampenpracht erwacht im selbsttest zum leben, zieht den kleinen zwergeuropäer in seinen bann… und dann beginnt plötzlich ian anderson mit dem flötensolo in „locomotive breath“… hölle, der zwerg sitzt im himmel! so scheint es, seinem grinsen nach zu urteilen und plötzlich, nachdem der bann gebrochen ist, wagt sich auch der andere zwerg heran…

dann hebe ich den einen runter, stelle ihn neben seinen treuen freund und verabschiede mich, ich muß zur arbeit, und die zwei, von zwergen zu riesen gereift innerhalb eines handgriffs (na, mehr war für den zwerg ja auch nicht nötig!), verabschieden sich ebenfalls, der kindergarten ruft, es gibt neues zu erzählen, neues, von einer noch nie dagewesenen wichtigkeit…

und ich lächle, sehe ihnen nach, starte und rolle, abgesehen von jethro tull, beinahe geräuschlos davon…

Author:

Im Herzen ein Motorradfahrer, der Zeit seines Lebens sich immer mit Motorrädern, ihren Fahrern und ihrem Denken auseinandergesetzt hat, frei nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel! Entsprechend ist auch der Lebensinhalt ausgerichtet: Morgens schon als erstes die Goldwing im Sinn, dabei nicht alleine, denn auch meine Frau ist vom selben Schlag, eine Bikerin durch und durch...

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